Parfum
Frau mit Strickpulli und Schal
© IAN HOOTON/SCIENCE PHOTO LIBRARY/Getty Images

Eine von Stoffen inspirierte Parfum-Collection aus Italien

Wie ein Mantel aus fließendem Samt, ein kuscheliger Pullover aus Cashmere – diese luxuriösen Düfte wärmen im Herbst und Winter nicht nur die Seele. Sie umhüllen buchstäblich die Haut.

Naturalmente, die Italiener! Niemand sonst pflegt eine derart innige Liebe zu kostbaren Stoffen – zu feinstem Tuch aus Cashmere, zu edel fließendem Gewebe aus Seide – zu tragbarem Luxus und zu ursprünglicher Handwerkskunst. Sie lieben perfekt sitzende Anzüge und elegante Kleider, die den Körper umhüllen, ihn nie einengen, ihm aber eine besondere Ausstrahlung verleihen. Genau wie Düfte es tun. Wir drücken mit beidem unseren Stil, unsere Stimmungen und Emotionen aus. Und ebenso teilen Stoff und Duft die intime Nähe zur Haut...

Eigentlich naheliegend, daraus eine Kollektion zu schneidern. Doch Aurora Carrara und Palmiro Peaquin, ein befreundetes Kreativduo aus dem Aostatal, sind tatsächlich die Ersten, die konsequent Textilien in Duftmoleküle umsetzen. Schlicht und genial „Uèrmì“ genannt. Ein Kunstwort, das italienisch klingt, sich englisch „Wear me“ ausspricht und „Trag mich“ bedeutet. Die Kollektion besteht aus acht Parfums – jedes ist einem Material gewidmet: Seide, Cashmere, Samt, Wildleder, Denim, Tweed, Latex und sogar der faszinierende, zukunftweisende Stoff „Washi“ – eine Kombination aus Seide, Cashmere, Baumwolle, Leinen und achtzig Prozent Reispapier, die antibakteriell und UV-abweisend agiert – werden duftend interpretiert.

Das Besondere: die Eau de Parfums erwecken nicht nur das Gefühl des Stoffes auf der Haut, sie duften auch tatsächlich danach. Selbstverständlich unisex, so wie Cashmere ja auch von Männern und Frauen geliebt und getragen wird.

Greifbarer als eine Duftgarderobe

Die Idee eines Duftoutfits oder einer Duftgarderobe ist grundsätzlich nicht neu. Die Wärme, die Behaglichkeit, das wohlige Gefühl, das kunstvoll verarbeitete Fasern und raffinierte Schnitte auf der Haut hinterlassen, inspiriert Fashiondesigner und Parfümeure seit Jahrzehnten dazu, Mode in Düften zu interpretieren.

„Das Parfüm ist der erste Teil der Kleidung, Haute Couture für die Haut“, sagt zum Beispiel Jean Paul Gaultier, der nicht nur mit seiner Mode, sondern auch mit seinen Düften „Classique“ und „Le Male“ Trends setzte – und sogar seine Flakons zu jeder Saison neu einkleidet. US-Designerin Donna Karan begann 1994 damit, ihr Lieblingsmaterial in Flakons zu bannen. Auf „Cashmere Mist“ und „Black Cashmere“ folgten „White Cashmere“ und „Liquid Cashmere“ – inzwischen 13 verschiedene duftende Interpretationen des kostbaren Stoffes.

Ausnahmeparfümeur Francis Kurkdjian, der selbst am liebsten Couturier geworden wäre, komponierte zunächst für die großen Designer – ArmaniFerragamoDiorEmanuel UngaroLanvinYves Saint LaurentVersaceKenzoGaultierNarciso Rodriguez – bis er sein eigenes Haus gründete und eine Duftgarderobe entwarf. „Für mich ist Parfum wie Kleidung. Ich kann kein Modedesigner sein, weil ich wirklich kein Talent zum Zeichnen habe”, verrät der Künstler. „Deshalb versuche ich dies mit Düften. Ich möchte die Menschen anziehen, Frauen und Männer. Mit ganz unterschiedlichen Outfits. Manche Stücke trägst du oft, manche nur zu bestimmten Gelegenheiten.“

So inspirierte ihn ein fließendes Satinkleid in flimmernder Farbe, das auf nackter Haut so besonders angenehm zu tragen ist, zu dem Parfum „Oud Satin Mood“, während „Aqua Celestia“ wie ein schlichtes weißes T-Shirt oder ein fließendes Hemd sein sollte – unkompliziert und frisch.

Tasten und Riechen – zwei Sinne werden verknüpft

Die Kreateure von Uèrmì machen diese Idee noch greifbarer. Nicht nur der Stil, das Gefühl, die Stimmung, die ein Stoff, wie beispielsweise Samt hinterlässt – gleichzeitig stumpf und doch glänzend, Wärme spendend und doch leicht-luftig – soll aus dem Flakon strömen. Den Gründern der Marke aus Aosta geht es auch darum, den Stoff tatsächlich riechbar zu machen. Quasi zwei Sinne zu verknüpfen, das Tasten und das Riechen. Dafür beauftragten sie drei französische Parfümeure: Jean Jacques, Philippe Bousseton und Antoine Lie. Ihnen gelangen herrliche Nischendüfte, die tatsächlich auch nach Jeans, Seide oder Wildleder duften.

YBPN wollte wissen, wie die olfaktorische Herstellung eines Stoffes möglich ist.

Zaubermoleküle für den Kuscheleffekt

Um den Duft eines stofflichen Materials zu transportieren, setzen die Parfümeure grundsätzlich auf eine Basis aus warmen Noten, die die Haut umarmen, vielleicht sogar liebkosen: allen voran Amber, Moschus und Hölzer. Je nach gewünschtem Material und Kuschelfaktor wird zum Beispiel Vanille hinzugefügt, um dem Duft „AB+Cashmere“ Authentizität zu verleihen. Gewürze lassen „NO+Suede“ wie Wildleder anmuten, die cremig-seidige Frucht von Feige sorgt in „UR+ Silk“ für ein seidiges Erlebnis.

Zusätzlich stehen den Künstlern besondere Basen zur Verfügung. Synthetisch hergestellte Moleküle aus verschiedenen Noten, die zusammen beispielsweise den Eindruck von Leder erwecken. Diese sogenannten „Captives“ sind die Heiligtümer, die kreativen und einzigartigen Schätze der großen Riechstoffunternehmen wie Firmenich, Givaudan, Symrise, IFF und Tagasako, für die die meisten Parfümeure arbeiten. Jede Firma entwickelt ihre eigenen Moleküle, lässt sie patentieren (meist für zehn Jahre) und besitzt so einzigartige und ungemein komplexe Noten mit vielen Facetten, die die Parfumkunst bereichern und immer wieder neue Dufterlebnisse ermöglichen.

„Cachalox“ beispielsweise ist ein Molekül, das den warmen, animalischen Unterton gibt, der früher durch natürliches Ambergris vom Wal entstand (daher auch der Name, angelehnt an Cachalot, französisch für Pottwal). Andere heißen „Ambretone“, „Ambroxan“ oder „Ambrox Super“ und beschwören ebenfalls den Effekt von Amber herauf, entwickeln sich aber – je nach Molekülstruktur – frischer, leichter oder unterstreichen ganz pur den Ton der Haut. Bei „Cashmeran“ oder „Cashmere Wood“ – moschusartig, holzig, mit milchigem und würzigem Unterton, manchmal salzig, manchmal mit dem Eindruck von sonnengeküsster Haut, je nachdem wie der Parfümeur es einsetzt – lässt sich die gewünschte Wahrnehmung, der Effekt, schon im Namen ausmachen.

Mit diesen Zaubermolekülen in den Händen von Könnern ist es möglich, beim Aufsprühen eines Duftes das Gefühl zu haben, Samt auf der Haut zu spüren, ihn mit der Nase ertasten zu können. Faszinierend – und ungemein anziehend!

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