Pflege
Schüssel mit Grünalgen
© Mac Photography/Getty Images

Kosmetik mit Algen: Beauty-Power aus dem Meer

Mikro- und Makroalgen sind die Superhelden der Zukunft – ihr hoher Gehalt an Antioxidantien, Vitaminen, Mineralien und Proteinen macht sie zu den Stars unter den Anti-Aging-Stoffen.

Sie ist grün und so winzig, dass sie nur unter dem Mikroskop überhaupt zu erkennen ist – und doch gilt sie als Superheldin unter den Algen: Hämatococcus pluvialis, so ihr wissenschaftlicher Name. Gerät diese Mikroalge in Gefahr, ist sie beispielsweise durch akuten Wasser- oder Nährstoffmangel bedroht oder durch zu starkes Sonnenlicht, färbt sie sich komplett rot.

Eine Verteidigungsreaktion, mit der sie sich augenblicklich unangreifbar macht. Der rote Farbstoff schützt ihre gesamten vitalen Funktionen. Wenn nötig bis zu dreißig Jahre lang, denn so lange kann sie diesen Schutz aufrechterhalten. Danach lebt sie putzmunter weiter. In Grün.

„Ein einmaliger Vorgang in der Natur!“, so Dr. Bettina Hees. In ihrem eigenen Forschungsinstitut, dem Medical Marine Research in Hamburg, widmet sie sich der Erforschung verschiedenster Mikro- und Makroalgen.

Hämatococcus pluvialis hat es auch der Medizinerin und Algenforscherin besonders angetan. „Sie ist die Basis, nein, der Schlüssel für Anti-Aging überhaupt“, so die Expertin. Und das durch ihren ungeheuer potenten Schutzstoff: das Astaxanthin.

Was das tiefrote Pigment Astaxanthin, ein Carotinoid, für die Haut so wertvoll macht: Seine Moleküle können durch ihre einzigartige, fett- und wasserlösliche Struktur alle Hautschichten und alle Zellmembranen durchdringen.

Zweitens neutralisiert es mehrere Formen freier Radikale, während andere Antioxidantien meist nur ein oder zwei Radikal-Formen bekämpfen können. Drittens gilt Astaxanthin laut verschiedener Studien, die vor allem aus Japan stammen, als 6.000 Mal stärker als Vitamin C, und 800 Mal potenter als das Coenzym Q10.

Für die Haut bedeutet das: Astaxanthin ist in der Lage, sichtbare Anzeichen vorzeitiger Hautalterung (zum Beispiel Trockenheit und Fältchen) und Hautschäden wie Pigmentflecken nicht nur wirksam zu verhindern, sondern sogar bereits bestehende zu reparieren.

Warum die Expertin dabei enthusiastisch vom „Stoff der Zukunft“ spricht, hat noch (viele) andere Gründe. Natürliches Astaxanthin aus der Mikroalge kann auch Mitochondrien, die für die Leistungsfähigkeit so wichtigen Energiezentralen in der Zelle, vor der Schädigung durch freie Radkale schützen.

Astaxanthin ist ein natürlicher, hochwirksamer Lichtschutz, der die Haut im Alltag effektiv vor UV-Schäden abschirmt. Und zwar ohne dabei die Synthese von Vitamin D zu verhindern! Optimal wirksam von innen als Kapsel (zum Beispiel „Ocean Vitality“ von MTS) plus Pflege von außen (zum Beispiel in „NatuPerfect Anti-Pigment & Brightening“ von Annemarie Börlind).

Algen als Lieferanten von Vitaminen und Mineralien

Algen produzieren eine enorme Vielfalt an einzigartigen, biologisch wirksamen Substanzen, die für die Kosmetik genutzt werden können. Der rote Farbstoff ist lediglich eines von vielen verblüffenden Beispielen für die fantastische Potenz, die aus den Meerespflanzen gewonnen werden kann. 

Algen gelten als der Ursprung allen Lebens, entstanden im Meer vor ungefähr vier Milliarden Jahren in Form von winzigen, einzelligen Blaualgen (wissenschaftlich: Cyanobakterien), die das Sonnenlicht als Energiequelle nutzten. So konnten sie aus Kohlendioxid und den im Meerwasser gelösten Mineralien organische Substanzen aufbauen.

Wir unterscheiden heute vier Algenfamilien: Grünalgen (zum Beispiel Ulva), Braunalgen (zum Beispiel Wakame, Kombu),  Rotalgen (Nori, Dulse) und Mikroalgen wie Spirulina, die älteste aller Algen, oder eben Hämatococcus pluvialis. „Jede dieser Algen produziert eine enorme Vielfalt an einzigartigen biologisch wirksamen Substanzen. Ihren potenten Wirkstoffen gehört die Zukunft “, ist Dr. Bettina Hees überzeugt.

Mineralien-Booster in der Pflege

Dr. Inez Linke, promovierte Meeresbiologin, Gründerin und Geschäftsführerin von Oceanbasis, setzt sich seit 2001 für nachhaltige Forschung, Gewinnung und Produktentwicklung auf Basis mariner Wirkstoffe ein.

„Im Gegensatz zu Landpflanzen haben Algen keine Wurzeln, durch welche sie die Nährstoffe und das Wasser aufnehmen. Sie nehmen die Mineralstoffe und Spurenelemente stattdessen über ihre gesamte Oberfläche direkt aus dem Meerwasser auf und können sie in sehr hohen Konzentrationen speichern. Deshalb haben sie die höchste Nährstoffdichte aller Pflanzen.“

Ein Kilogramm frischer Algen enthält Meereswirkstoffe aus rund 10.000 bis 100.000 Litern Meerwasser. So können Meeresalgen tausend Mal mehr Jod, hundert Mal mehr Kalzium und zehn Mal mehr Magnesium und Kupfer speichern als Landpflanzen.

Jede Algenart ist dabei aber gleichzeitig einzigartig, hat eine bestimmte Nährstoffzusammensetzung und -dichte, die sie für den Einsatz in Kosmetik, Medizin und Ernährung so wertvoll macht.

„Weit über achtzig verschiedene Substanzen sind in Algen nachweisbar“, so Expertin Linke. Und Bettina Hees weiß: „Alle 27 Vitalstoffe, die der Mensch dringend braucht, sind in den Algen enthalten.“

Algenkosmetik: wirksam in der Pflege

Algenextrakte – und besonders die der Tange beziehungsweise Braunalgen – in Cremes und Seren besitzen grundsätzlich hautschützende und entzündungshemmende Eigenschaften. Sie stärken die natürlichen Abwehrkräfte, ihre Proteine versorgen die Hautzellen mit Energie und bewahren sie vor dem Austrocknen. Ihre Vitamine schützen vor Umwelteinflüssen, bekämpfen freie Radikale und die enthaltenen Mineralien und Spurenelemente stärken die Hautstruktur.

Biotherm, seit Jahren Vorreiter der Blauen Biotechnologie (Fachbegriff für alle biotechnologischen Anwendungen, die sich aquatische Organismen zunutze machen oder auf diese abzielen), setzt dazu die verschiedensten Spezialtalente für seine Seren und Cremes ein.

Die Braunalge „Laminaria Ochroleuca“, Hauptakteur in „Aquasource Everplump Night“, hält sich bei zunehmender Brandung durch die Produktion von Kollagen gleichzeitig elastischer und straffer.

In „Blue Therapy Red Algae Uplift“ dagegen ist es die Fähigkeit der Rotalge aus dem Atlantik, selbst harschen Umweltbedingungen zu trotzen und sich immer wieder neu zu regenerieren.

Die Grünalge Chlorella vulgaris hat die erstaunliche Fähigkeit, Sauerstoff an sich zu binden und diesen tief ins Innere der Haut zu schleusen. Außerdem unterstützt sie Detoxprozesse – in der Serie „Skin Oxygen“.

Multitalent Alge: Detox, Slimming & Superfood

Apropos Detox: Die in Braunalgen zu 15 bis 50 Prozent enthaltene Alginsäure bindet Schadstoffe, Schwermetalle und Pestizide im Darm zu unlöslichen Komplexen und befördert diese aus dem Körper. Bestimmte Braunalgen enthalten außerdem Fucoxanthin – und damit den neuesten Ansatz in der Medizin bei Übergewicht. Fucoxanthin soll helfen, das „üble“ weiße, in „gutes“ braunes Fettgewebe umzuwandeln.

Viele Studien an Universitäten beschäftigen sich mit dem Thema alternative, pflanzliche Quellen zu finden, die tierische Nahrungsmittel überflüssig machen oder per se gesünder sind. Aktuelle Lieblinge dafür sind zum Beispeil Spirulina (enthalten rund 60 Prozent Protein) oder Chlorella (einzige pflanzliche B12-Quelle) sowie Algenöl (Omega-3-Fettsäuren).

Medizinerin Bettina Hees: „Aktuell weisen mehr als 850 überwiegend japanische und koreanische Publikationen, in denen Meeresalgen, Extrakte oder Komponenten aus Braunalgen eingesetzt wurden, auf eine vor Tumoren schützende und hemmende Wirkung sowie den Schutz gegen Viren und Bakterien hin.“ Algen als Begleittherapie bei der Tumorbehandlung wurden jetzt in Europa zugelassen. Im Fokus dabei: der Algenzucker Fucoidan!

Biologe und Algenfarmer Jörg Ullmann, Projektleiter einer der weltweit größten Produktionsstätten für Mikroalgen in Klötze, im Westen Sachsen-Anhalts, ist sich sogar sicher, dass Algen das größte Zukunftsproblem der Menschheit lösen könnten: „Zwei Prozent der Fläche der Weltmeere würden genügen, um den Nahrungsbedarf von zehn Milliarden Menschen zu sichern.

Ein Beitrag geteilt von La Mer (@lamer) am

Weitere Artikel