Parfum
Parfumflaschen aufgereiht
© Gallo Images/Getty Images

Parfumtrend: Hip, hipper, Patchouli!

Patchouli ist der wiederentdeckte Liebling der Parfümeure – durch neue Technologien, designte Moleküle und raffinierte Kombinationen schillert der Duftstoff in völlig neuen Facetten.

Selbst Duftnoten haben unter Vorurteilen zu leiden – bestes Beispiel: Patchouli! Seit das ätherische Öl aus den Blättern des asiatischen Patchouli-Strauches in den 1960er Jahren pur und reichlich verwendet wurde, hängt ihm hartnäckig ein Etikett an: Räucherstäbchen-Hippieduft. Doch damit wird jetzt endlich endgültig Schluss sein!

In modernen Kreationen, vor allem als Eau de Parfum, verleihen Parfümeure und Designer ihrem Lieblings-Aroma Patchouli neuen Glanz und entlocken ihm ganz wunderbare, ungewöhnliche Facetten: von zart und frisch über edel und glamourös, schillernd und schwebend, bis hin zu hypnotisch. Kaum ein Parfum kommt momentan ohne die luxuriöse Wärme, die Eleganz und den unterschwelligen Glamour des exotischen Aromas aus. Patchouli ist der hippste Stern am Duft-Himmel.

Glamour, Eleganz und Luxus? Patchouli? Yes, und zwar von Beginn an! Als Patchouli – auch Patschuli geschrieben – im 19. Jahrhundert erstmals aus Indien nach Großbritannien gelangte, avancierte die Pflanze, oder vielmehr deren Blätter, rasch zum Beauty-Must-have für die Intellektuellen und das Großbürgertum der viktorianischen Ära. Man war mehr als angetan von der geheimnisvollen, erotisierenden Wirkung, die von den Blättern ausging, und die sich nur äußerst langsam verflüchtigte.

Annähernd zeitgleich trafen in Paris erstmals kostbare Kaschmirschals ein, die für ihre lange Reise aus fernen exotischen Ländern zum Schutz vor Ungeziefer mit Patchouliblättern aus Malaysia bestreut worden waren. Dies verlieh den ohnehin sehr luxuriösen Stoffen eine noch sinnlichere und exotischere, ja beinahe aphrodisierende Ausstrahlung. „Im Jahr 1834 wickelte man in Paris das erste Patchouli aus seinem Seidenumschlag!“, schwärmt Parfümeurlegende Serge Lutens, der seinen genialen Patchouli-Duft schlicht „Borneo 1834“ nannte. Sie wissen jetzt, warum.

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Der berühmteste Duft der Parfumhistorie

Es dauerte jedoch bis zum Jahr 1917, bis Patchouli als Note in der Parfümeurspalette seinen Siegeszug antrat – im wohl berühmtesten Parfum der Geschichte: „Chypré“ von Coty. Fortan zählte Patchouli zu der elementaren Basis des Chypre-Akkords und viele Meilensteine der Parfumhistorie enthalten eine gehörige Dosis des erdig-moosig-holzigen Öls: zum Beispiel „Mitsouko“ von Guerlain aus dem Jahr 1919, „Bandit“ von Robert Piguet und „Femme“ von Rochas, beide 1944. Christian Dior kürte Patchouli gar zu seiner Herznote – erstmals in „Miss Dior“ von 1947.

Unglaubliches Gefühl von Natürlichkeit

Mit Woodstock, den Friedensmärschen und den Protesten gegen den Vietnamkrieg – dem Blick der Hippies nach Osten – wurde Patchouli in den 1960er Jahren wieder relevant. „Traurigerweise weckt die bloße Erwähnung der Geschichte Kommentare über die Hippie-Szene, was eine Schande ist, denn die Patchoulinote gibt einem Parfum Tiefe und ein großartiges Gefühl von Wärme. Patchouli ist einer der wunderschönsten Stoffe in der Palette des Parfümeurs, “ beschreibt der britische Meister-Parfümeur Roja Dove. „Es vermittelt ein unglaubliches Gefühl von Natürlichkeit.“

Das sieht auch Ramón Monegal Maso so, in vierter Generation Parfümeur der katalanischen Duft-Dynastie Monegal, der „Mon Patchouly“ im Jahr 2009 für seine Tochter Laura komponierte. „Sie liebt Patchouli – als eine Art Provokation, die Freiheit schenkt; als eine Haltung, die sich olfaktorisch ausdrückt. Für mich selbst ist der Duft die Erinnerung an Ibiza, an diese Insel, als ich jung war. Patchouli ist die Insel, das Meer, das Lebensgefühl. Inklusive Sonnenuntergang am Café del Mar.“

Ein Duft wie ein Wein – je reifer, desto begehrter

Ursprünglich vor allem in Malaysia und Indien angebaut, wird Patchouli – die Herkunft des Namens ist nicht zweifelsfrei gesichert, man geht jedoch davon aus, dass er sich aus dem altindischen, tamilischen pachai (grün) und ilai (Blatt) ableitet – für feinste Qualitäten des Öls heute in Indonesien angepflanzt. Grundsätzlich lässt sich aus den Blättern und den Zweigen des Pogostemon cablin (indisch) oder Pogostemon heyneanus (indonesisch) per Dampfdestillation oder CO2-Extraktion das zähflüssige und ockerfarbige Öl gewinnen.

Außergewöhnlich dabei: Um das Aroma zu verbessern, werden die Blätter nach der Ernte zunächst getrocknet und fermentiert. Dreißig bis Fünfzig Kilogramm Patchouliblätter ergeben etwa ein Kilo Öl. Doch Patchouli ist nicht gleich Patchouli. Erstens gibt es unterschiedliche Qualitäten, je nach Art und Gegend des Anbaus und der Gewinnung. „Die feinste Patchouli-Qualität zeigt eine leichte Bitter-Schokolade-Note“, weiß Roja Dove. Und zweitens gewinnt das Öl mit der Zeit an Aroma.

Ein veredeltes Aroma

Wie ein guter Rotwein wird Patchouli immer besser, je älter es ist. Und natürlich gleichzeitig begehrter. Zusätzlich benutzen Parfümeure wie auch die Winzer kleine Tricks, um ihren eigenen Patchoulicharakter zu erzeugen – zum Beispiel durch Überreifung, die so genannte „Hyperoxidation“, oder durch „Photo-Affinage“, die Glättung olfaktorischer Spitzen durch Sonnenlicht. Naturbelassen duftet Patchouli waldig, erdig, holzig, rauchig – wie feuchte Erde und moderndes Holz. Auf Wunsch eines Parfümeurs kann nun eine bestimmte Eigenschaft durch Veränderung der Molekülstruktur hervorgehoben oder reduziert werden. So entstehen je nach Kunst des technischen Parfümeurs ganz unterschiedliche Patchouli-Facetten – die in der Komposition völlig verschiedene Wirkungen haben.

Elie Saab beispielsweise, der Patchouli und Orangenblüte als seine Signatur wählte, verwendet ein elegantes Patchouli, das nur einen Bruchteil der ursprünglichen, erdigen Natur verströmt, und stattdessen vielmehr einen schillernden Schleier hinterlässt; in „Rain“ von Clean Reserve sorgt Parfümeur Richard Herpin unter anderem mit einem „saftigen Patchouli für das charakteristische Flair des Regenwalds nach einem Schauer“. „Patchouli sorgt für mystische Intensität“, schwärmt Christophe Raynaud, Parfumeur von „Simply Jil Sander Elixir“. Alberto Morillas hat für Bvlgari das Herz des Patchouli als Basisnote verwendet: „Patchouli coeur“, der ultra-luxuriöse, absolute Extrakt der Pflanze, trägt zu einer schwer fassbaren, raffinierten Wildheit bei.

Es gibt „Gold-Patchouli“, „Patchouli essence“ und „absolute“, saubere Versionen ohne die ledrigen und gummiartigen Noten des natürlichen Öls, frische Versionen, die wie gerade aus der Erde gezogenes Wurzelwerk riechen, erst deutlich medizinisch, dann traumhaft weich.

Der neuste Patchouli-Charakter

Und seit 2014 gibt es „Clearwood“ – ein Patchouli, das mit weißer Biotechnologie von Moleküldesignern erschaffen wurde. Harry Fremont, Master Perfumer bei Firmenich, wo „Clearwood“ entwickelt wurde: „Diese bahnbrechende Zutat revolutioniert das Spiel der Parfümeure mit dem Patchouli-Charakter, gibt ihnen die Möglichkeit, ganz neue, moderne Duftkreationen zu entwickeln.“

Es gilt als die exquisiteste und reinste Wiedergabe der süchtig machenden Signatur von Patchouli, die jemals eingefangen wurde. Tom Ford, seines Zeichens ein bekennender „Patch-Head“, wie sich Patchouli-Fans selbst nennen, durfte sie als Erster für sein „Private Label Patchouli Absolu“ benutzen. Bereits in mehr als einem Drittel aller Kompositionen wird heute Patchouli verwendet Tendenz extrem steigend.

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